Aleksandra Mir

Pakkus

Springer, #2, Berlin, 1998
By Andrea Kroksnes

Cinema for the Unemployed
23 - 27 May 1998
part of
Momentum, Nordic Biennial of Contemporary Art
Momentum - Nordic festival for contemporary art, Moss - Norway

Spätestens seit der Ausstellung "Nuit blanche—Scènes nordiques: Les années 90", die in diesem Frühjahr im Pariser Musée d'Art Moderne stattfand, spricht die Kunstwelt von einem "Nordic Miracle". Während "Nuit blanche" assoziativ auf nordische Sommernächte voller Licht, eine rauhe, unvorstellbar schone Natur sowie melancholische Menschen anspielt und damit allerlei Sagen und Mythen des Nordens evoziert, distanzieren sich die Macher von "Pakkhus"—Lars Bang Larsen, Daniel Birnbaum und Atle Gerhardsen—von solchen "nordischen" Klischees. Die Ausstellung im norwegischen Moss will vielmehr Bestandsaufnahme der aktuellen Kunstszene vor Ort sein, von Stars wie Olafur Eliasson, Eija-Liisa Ahtila, Peter Land oder Carl Michael von Hausswolff bis hin zu weniger etablierten KünstlerInnen wie Palle Torsson, Tommy Olsson, Vibeke Tandberg oder Peter Geschwind, die teilweise noch an der Kunsthochschule studieren.

Die Verweigerung der Kuratoren, "nordische" Stereotypen zu befördern, ist Programm. Die Wahl des Ausstellungsortes Moss soll keinem skandinavischen Separatismus Vorschub leisten, vielmehr das Gegenteil beweisen: "If Moss can do it, it can be done anywhere." Tatsächlich gibt es bei "Pakkhus" keinen Beigeschmack von eigenwilliger Exotik—ein Aroma, mit dem in den Kunstzentren gerne die Produktionen der "Peripherie"Tatsächlich und genossen werden. Anders als bei skandinavischen Gruppenausstellungen im Ausland denkt man hier nicht an kunsttouristische Souvenirs, die "jet-settende" KuratorInnen von ihrem letzten Dänemarkurlaub mitgebracht haben. Auch äber die Frage der Spezifitaet der jungen skandinavischen Kunst muss hier nicht weiter verhandelt werden. Nicht nur, dass die Frage nach dem Besonderen in der "nordischen" Kunst mittlerweile KünstlerInnen, KuratorInnen sowie KritikerInnen langweilt, ist man sich auch äber die Gefahren der Dynamik eines solchen Hypes im klaren: Das Beispiel des Young British Art-Phänomens noch vor Augen, will man nicht als Skandi-Pack gelabelt, vermarktet und ausverkauft werden. Auf die Frage nach der Charakteristik skandinavischer Kunst bekommt man in diesem Fall die Antwort "nothing special" zu hören—und dies ist nicht bloss Understatement. Sogar die nationalen Kulturinstitutionen der skandinavischen Länder, die nicht ganz unbeteiligt an dem Export junger Kunst sind, nehmen mittlerweile Abstand von einer Kulturpolitik, die nationale Gruppenidentitäten zum Thema zeitgenössischer Ausstellungen macht.

Die "Pakkhus"—Show zeigt eine Gruppe junger KünstlerInnen, die zwar aus einem gemeinsamen geografischen Kontexts kommen, die aber abseits der nationalen Institutionen ihre eigenen Orte und Diskurse geschaffen haben—und dies in keiner isolierten oder einheitlichen, sondern in einer beziehungsreichen und offenen Bewegung. So gehören der Aufbau von Netzwerken und der Dialog ¸ber nationale Grenzen hinweg zu den wesentlichen Strategien dieser KünstlerInnen. Die gezeigten Arbeiten engagieren sich häufig im Sinne politisch-ästhetischer Praktiken—etwa des Feminismus oder der Schwulenbewegung—, die nicht spezifisch skandinavisch, sondern mit lokalen Strategien andernorts verknüpft sind.

Bestes Beispiel für solchen Austausch und soziales Engagement sind die Projekte des aus zwei Dänen, einer Schwedin und einer Norwegerin bestehenden KünstlerInnenkollektivs N55, das im Dialog mit PhilosophInnen, IngenieurInnen und ArchitektInnen ein soziales Design zu entwickeln versucht. Das raum- und materialsparende Designer-Treibhaus aus rostfreiem Stahl ermöglicht selbst EtagenhausbewohnerInnen die Selbstversorgung mit pflanzlichen Lebensmitteln. Ästhetisch, konzeptuell sowie ökonomisch auf ein Minimum reduziert, sind die Arbeiten von N55 eher Produkte eines philosophischen denn eines formalen Minimalismus. Im Cinema for the Unemployed zeigten die beiden Wahl-New Yorkerinnen Aleksandra Mir und Onomé Ekeh in Zusammenarbeit mit dem Mosser Arbeitslosenamt eine Woche lang rund um die Uhr Hollywood-Katastrophenfilme und betrieben dazu ein Café. Ingar Dragset und Michael Elmgreen installierten eine Theke, die auf den ersten Blick wie eine minimalistische, weisse Raumskulptur wirkte, deren verchromten Zapfhähne—Originale aus Berliner Schwulenclubs, in denen sich die beiden im letzten Jahr aufhielten—jedoch an ein bestimmtes soziales Setting erinnerten. Für die zahlreichen Videos—unter anderem gab es Grossprojektionen der Arbeiten von Eija-Liisa Ahtila, A. K. Dolven, Fannie Niemi Junkola und Ann Lislegaard sowie Monitorpräsentationen der Videos von Annika Ström, Tobias Bernstrup und Palle Torsson—hat Knut Äsdam ein Kino gebaut, dessen verglaste Zellen und grosszügige Latexsofas eine Club-Atmosphäre suggerierten. Äsdam interessieren architektonische und räumliche Codes, die unsere körperliche Wahrnehmung und unser soziales Verhalten beeinflussen. Schliesslich zeigen Christian Schmidt-Rasmussens Malereien bittersüþe Überraschungseierwelten zwischen Comic-Spass und Weltschmerz. Die Cyborg-Girls der "Icelandic Love Corporation" gebären Babies in durchsichtigen Plastikblasen, im Keller kotzt ein Robotermonster aus Verpakkungsmüll und High-tech-Schrott, und unter dem Dach wachsen Kartoffeln.

Wenn sich ein roter Faden durch die unterschiedlichen künstlerischen Produktionen zieht, die von Malerei, Skulptur, Fotografie bis zu Video, Installation und Performance reichen, dann ist es ihr gemeinsames Interesse an Grenzauflösung und Vermischung: von "weissen Nächten" keine Spur. © 1997-99 springerin